Die körperlichen Grenzen austesten: Das My Challenge 2021 Trainingslager

Aufgeben ist für Carina Hilfenhaus keine Option. Nach zwei Herzstillständen fasst die 35-Jährige den Entschluss: „Ich kremple mein Leben um“. Sie möchte trotz ihrer gesundheitlichen Rückschläge und einem Leben mit Herzschrittmacher etwas wagen – und zwar die My Challenge 2021. Der Plan? Eine mehrtägige Biketour in und um Garmisch-Partenkirchen, die vom 11. bis 17. Oktober 2021 stattfinden wird. Ob mit dem Rennrad oder Mountainbike – die anspruchsvolle Bergtour besteht aus mehreren Etappen, bei denen auch gesunde Menschen leicht an ihre körperlichen Grenzen stoßen. Aber Carina traut sich und stellt sich der Herausforderung! Sie nimmt uns mit in ihr Trainingslager, welches vom 6.-13. Juni 2021 in Garmisch-Partenkirchen stattfand. Ein persönlicher Bericht über ein intensives Training am Körper und Mindset – und dass trotz Herzschrittmacher.

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Carina Hilfenhaus im Trainingslager in Garmisch-Partenkirchen, Quelle: Privat

Let’s get it started

Es ist Sonntag, der 06. Juli 2021. Ich sitze im Auto, auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen. Dort wird im Herbst die My Challenge 2021 stattfinden und dort werde ich zum ersten Mal meine körperlichen und mentalen Grenzen austesten. Mein Auto ist vollgepackt mit meinen Fahrrädern und eben allem, was man so für eine Woche im Trainingslager benötigt. Vor Ort werde ich auf meine Trainerinnen Miriam Welte und Laura Chacon Biebach treffen, die zusammen mit dem Tourismusverband GAPA das Wochenprogramm gestaltet haben.

Bisher fühlt sich alles ganz normal an: Als würde sich jemand Gesundes neuen, sportlichen Herausforderungen in den Bergen stellen wollen. Doch ich bin nicht „normal“. Ich lebe mit einem Herzschrittmacher, nachdem ich zweimal einen Herzstillstand und anschließende Reanimationen überlebt habe. Meine neurologische Erkrankung macht es zudem noch etwas schwerer. Aber Aufgeben ist für mich überhaupt keine Option.

„Ich möchte anderen Betroffenen ein Vorbild sein“

Ich will anderen Betroffenen ein Vorbild sein und zeigen, was im Leben möglich ist – trotz gesundheitlicher Einschränkungen. Gemeinsam mit der der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), die als Partner an meiner Seite steht, machen wir es uns zu unserer Aufgabe, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu ermutigen, dass man alles schaffen kann, was man sich vornimmt. Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass ein achtsamer Umgang mit dem Herzen wichtig ist: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind keine Frage des Alters und man sollte sich mithilfe einer gesunden Lebenseinstellung gut um das Herz kümmern – auch schon als junger Mensch.

Das Trainingslager war für mich der Startschuss, mich auf meine Challenge im Herbst 2021 vorzubereiten und meinen Körper zu testen: Wo liegen meine körperlichen Grenzen? Wie weit kann ich mit meinem Herzschrittmacher gehen?

Von 0 auf 110 %

Die erste Woche des Trainingslagers startete für mich deshalb erst einmal etwas ruhiger: Die sportliche Ausrüstung für die My Challenge 2021 gründlich kennen lernen und die Gegend rund um Garmisch-Partenkirchen mit seinen schönen Sehenswürdigkeiten erkunden. Aber dann ging es auch schon auf’s Rad – auf dem Rennrad haben wir die ersten Kilometer gemeistert und die Muskeln für die nächste Etappe aufgewärmt.

Etappe Nummer 2 hatte es in sich, da ging es nämlich mit dem Mountainbike in die Berge, vorbei am Eibsee, hoch auf etwa 1300 Höhenmeter. An manchen Stellen betrug die Steigung 14 %, meine Beine brannten, aber ich wollte weiter. Ich fühlte die pure Motivation! Oben angekommen überkam mich ein Gefühl der Freude: Ich hatte es tatsächlich geschafft. Schon am zweiten Tag des Trainingslagers konnte ich aus eigener Kraft mit dem Bike die 1300 Meter erklimmen – ein Jahr zuvor hätte ich dafür weder die Kraft noch die Zuversicht gehabt.

 

Carina Hilfenhaus im Trainingslager in Garmisch-Partenkirchen, Quelle: Privat

Aber nicht nur die Auffahrt war eine persönliche Challenge für mich, auch der Weg nach unten war mindestens genauso spannend: Mit über 50 km/h fuhren wir die steilen Schotterwege nach unten, dabei musste man sich ganz schön konzentrieren, damit man das Gleichgewicht behielt. Für mich auf jeden Fall eine sehr außergewöhnliche und neue Erfahrung.

Das körperliche Training stand in den zwei Wochen natürlich im Fokus. Trotzdem braucht der Körper auch kurze Regenationsphasen, um zu neuen Kräften zu kommen. Die Region rund um Garmisch-Partenkirchen mit seinen Wäldern und Wiesen bietet viele Möglichkeiten, um zwischendurch auch mal durchzuatmen und die Energiespeicher aufzuladen. Der Tourismusverband hat uns zu verschiedenen Events eingeladen, um zwischendurch Kraft zu tanken: Von der Kräuterwanderung über das Waldbaden bis hin zum Atemwegslehrpfad haben wir, neben der körperlichen Regeneration, tolle neue Eindrücke gewinnen können.

Intensives Training

Zwischen den Entspannungsphasen sollte das Training aber nicht zu kurz kommen. Auf der Dachterrasse unseres Hotels machte ich gemeinsam mit meinen Trainerinnen Miriam Welte und Laura Chacon Biebach regelmäßig Stabilisationsübungen für die Kräftigung der Muskeln. Aber auch die Kondition will trainiert werden, somit standen Bergintervalle mit dem Rennrad ebenfalls auf dem täglichen Trainingsplan. Ein Intervalltraining bedeutet, für eine gewisse Zeit (meist für 30 Sekunden) mit voller Kraft in die Fahrradpedalen treten, es folgt eine kurze Pause und danach Intervall Nummer 2. Und das Ganze dann acht Mal! Am Berg! Ich glaube, ich habe im ganzen letzten Jahr nichts Anstrengenderes getan als dieses Training. Während der Bergintervalle kam ich an meine körperlichen Grenzen und auch mein Pulsbereich lag am Maximum. Diese Einheit war allerdings sehr wichtig, um darauf das weitere Training aufzubauen.

Am vorletzten Tag machten wir uns nochmal auf zur „Königsetappe“: Über Österreich, an der Zugspitze vorbei und wieder zurück nach Garmisch-Partenkirchen. Bei der Etappe legten wir hunderte Höhemeter und gut 75 km Strecke zurück. Es war für mich eine sehr besondere Tour, nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Denn es gibt nichts Schöneres, als kilometerlang über Kuhweiden, durch Geröll und vorbei an kleinen Flüssen zu fahren: Ein Abenteuer voller Spaß und neuen Eindrücken in den Bergen, bei dem die Grenzen des eigenen Körpers ausgetestet werden.

Meine Lebensaufgabe? Menschen motivieren!

Carina Hilfenhaus mit ihren Trainerinnen Laura Chacon Biebach und Miriam Welte, Quelle: Privat

Was will man mehr? Was könnte es für eine größerer Motivation geben, als an einem Bergsee zu sitzen und zu wissen, dass man es aus eigener Körperkraft auf einem Fahrrad hier hoch geschafft hat! Ein Herzschrittmacher bedeutet vielleicht kleine Einschnitte im Leben, aber man muss sich nicht komplett einschränken. Mit ein bisschen Kreativität, Mut und Durchhaltevermögen schafft man Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben.

Als ich an diesem See saß, wusste ich, dass es meine Lebensaufgabe ist, meine persönlichen Erfahrungen mit anderen zu teilen und sie mit meiner Energie, das eigene Leben wieder aktiv zu gestalten, anzustecken. Ich werde es im Herbst mit der My Challenge 2021 vormachen und freue mich, mit der DGK einen Partner gewonnen zu haben, der mich nicht nur bei meinem persönlichen Vorhaben unterstützt, sondern auch dasselbe Ziel verfolgt, wie ich: Herz-Kreislauf-Patient*innen Mut zu machen, dem eigenen Körper etwas zuzutrauen und das eigene Glück in die Hand zu nehmen.

Das Trainingslager hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber es liegt noch viel Arbeit vor mir. Die Generalprobe für die My Challenge 2021 steht im September an. MSR90, ein Rennen an der Mecklenburgischen Seenplatte, nur für Frauen! 90 Kilometer, die mich wieder weiter an mein Ziel bringen.

Ich bin bereit!

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