Im Flow: Hält Yoga das Herz gesund?

Yoga erlebt aktuell einen regelrechten Boom: Immer mehr Menschen widmen sich in ihrer Freizeit den Körper- und Atemübungen sowie der Meditation – ob im Yoga-Studio oder über eine App auf der heimischen Matte. Im Jahr 2021 gaben rund 10 Millionen Menschen in Deutschland an, häufig oder gelegentlich Yoga zu machen. Gründe dafür gibt es viele, denn in unserer schnelllebigen, hektischen Welt können regelmäßige Momente der Achtsamkeit und Entspannung wahre Wunder bewirken. Dass Yoga einen positiven Einfluss auf Körper und Geist hat, ist bereits seit rund 5000 Jahren bekannt – denn so alt sind die Lehren rund um die Übungen bereits. Aber ist Yoga auch für Herzpatient*innen der richtige Sport? Und kann die Praktik das Herz gesund halten? Wir geben einen Überblick zum aktuellen kardiologischen Forschungsstand.

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Yoga für Herzpatienten
Jacob Lund/stock.adobe.com

Was ist Yoga?

Viele verbinden Yoga mit dem Schneidersitz und einem tiefen, entspannten „Om“, doch dahinter verbirgt sich mehr als das. Yoga ist nicht nur eine Sportart, es ist eine ganzheitliche philosophische Lehre: Ziel ist es, mithilfe verschiedener körperlicher und geistiger Praktiken beide Teile des Menschen, also den physischen und psychischen, in Einklang zu bringen. Der Begriff stammt aus dem indischen Sanskrit und lässt sich als Einigung, Einheit oder auch Harmonie übersetzen. Yoga beinhaltet eine Reihe meditativer Techniken, deren Fokus auf der innerlichen Ruhe und Konzentration liegen sowie körperliche Übungen, die Kraft und Beweglichkeit fördern. Es verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz des Wohlbefindens und lässt sich in vier Hauptbestandteile gliedern: Körperübungen (Asanas), Atemübungen (Pranayama), Konzentrationsübungen (Meditation) und Entspannungs- sowie Regenerationstechniken. Aus der jahrtausendalten Praxis haben sich inzwischen viele verschiedene Stilrichtungen entwickeln, die einen unterschiedlichen Fokus haben und in ihrem Schwierigkeitsgrad variieren – je nach Yoga-Stil kann es also entweder sportlicher oder entspannter zugehen. 

Welche Auswirkungen hat Yoga auf die allgemeine Gesundheit?

Als ganzheitlicher Ansatz kann sich die Yoga-Praxis positiv auf das gesamte Wohlbefinden auswirken – sowohl körperlich als auch geistig. Laut des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) seien viele positive Wirkungen inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dazu gehört unter anderem eine entspannende Wirkung und die Reduktion von Stress. Yoga wirkt sich aber auch positiv auf den Bewegungsapparat aus: Die Übungen, Asanas genannt, bekräftigen ganzheitlich den Körper, mobilisieren und beugen Bewegungsmangel vor – insbesondere bei Menschen, die täglich viel sitzen und dadurch Rückenbeschwerden haben. Außerdem fördert die Meditation das zur Ruhe finden und die gezielten Atemübungen helfen dabei, körpereigene Signale besser deuten und kontrollieren zu können. Kurzum: Bei regelmäßiger Yogapraxis fühlen sich viele Menschen entspannter, beweglicher und ausgeglichener. So haben viele Krankenkassen Yoga-Kurse bereits in ihr Präventionsprogramm aufgenommen und erstatten ihren Versicherten die Kosten. Yoga wird aber auch zunehmend ärztlich verordnet und als therapiebegleitende Maßnahme bei verschiedenen physischen und psychischen Krankheiten empfohlen.

Yoga als Prävention für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Ausdauersport galt lange als der Schlüssel, um das Herz gesund zu halten: Täglich 30 Minuten sogenannte Cardio-Fitness fordern die kardiologischen Leitlinien zur Prävention von Herzkreislauferkrankungen. Bei der Rehabilitation, beispielsweise nach einem Herzinfarkt, wird in erster Linie eine Ausdauer- und Leistungssteigerung der Patienten angestrebt. Yoga-Übungen werden in dem Rahmen in der Regel nicht angeboten. Dabei könnten die mentalen und körperlichen Übungen der indischen Lebensphilosophie das Herz ebenfalls schützen, so eine Analyse im European Journal of Preventive Cardiology. Laut den Untersuchungen könne die regelmäßige Yoga-Praxis die gleiche Schutzwirkung vor kardiovaskulären Erkrankungen haben wie der tägliche Ausdauersport – beispielsweise das Joggen oder Nordic Walking. Dabei wurden Daten von rund 37 randomisierten Studien im Hinblick auf die Forschungsfrage ausgewertet.

Studie zeigt: Yogis leben herzgesünder

Ihre Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die regelmäßig Yoga betreiben, in der Regel weniger kardiale Risikofaktoren aufweisen. Das kann zum einen mit dem Stressabbau zusammenhängen, der beispielsweise mit der Meditation oder den Atemübungen einhergeht. Zum anderen war der Body Mass Index (BMI) und das Körpergewicht bei den Studienteilnehmer*innen, die regelmäßig Yogaübungen machten, durchschnittlich geringer als bei der Vergleichsgruppe. Außerdem hat laut der Studienergebnisse der Yogi-Lifestyle auch positive Auswirkung auf den Blutdruck, die Cholesterinwerte und die Herzfrequenz.

Grundsätzlich sind das alles Faktoren, die eine Herz-Kreislauf-Erkrankung begünstigen und durch Yoga minimiert werden können. Nichtsdestotrotz sind die körperlichen Zusammenhänge noch nicht gänzlich erforscht worden, sodass noch weitere Studien und Untersuchungen notwendig sind, um valide Aussagen treffen zu können. Laut der Forschenden sollte Yoga aber jetzt schon bei den Menschen ärztlich empfohlen werden, die sich für Ausdauersport nur schwer motivieren lassen.

Therapiebegleitendes Yoga nach Herzinfarkt

Es wird aber nicht nur im Bereich der Prävention von Herzerkrankungen geforscht – die Yoga-Praxis gerät immer häufiger in den Fokus therapiebegleitender Maßnahmen bei Herzpatient*innen. So wird bei einer indischen Studie untersucht, inwieweit sich Yoga als Rehabilitationsmaßnahme nach einem Herzinfarkt eigne. Dafür rekrutierten die Forscher*innen fast 4.000 Teilnehmende, die kurz zuvor einen Herzinfarkt erlitten. Nach dem Zufallsprinzip erhielten diese entweder ein auf Yoga-basierendes Rehabilitationsprogramm oder eine verbesserte Standardversorgung mit Beratungsgesprächen. Das Yoga-Programm umfasste wöchentliche Sitzungen von rund 75 Minuten mit sanften Übungen einschließlich Meditation, Entspannungs- und Atemkontrolltechniken. Ihr Ergebnis: Eine Yoga-basierte Rehabilitation verbesserte den selbstbewerteten Gesundheitszustand der Teilnehmer*innen. Verglichen mit der Kontrollgruppe konnten mehr Proband*innen aus der Yoga-Gruppe wieder ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen.

Allerdings konnten von den Forschenden keine eindeutigen Unterschiede in Bezug auf schwere kardiovaskuläre Ereignisse erkannt werden. Grundsätzlich lässt sich aus der Studie aber ableiten, dass Yoga im Zuge der Herzinfarkt-Rehabilitation einige Vorteile bietet: Die Praktik zur physischen und psychischen Stärkung kann das Gesundheitsbewusstsein von Patient*innen verbessern und den Krankheitsverlauf verlangsamen. Allerdings muss noch beobachtet werden, ob dieselben Effekte auch bei deutschen Patient*innen eintreten: Da Yoga in Indien grundsätzlich einen sehr großen Stellenwert hat und die Bereitschaft für die Praktik größer ist, sind die Ergebnisse möglicherweise nicht übertragbar.

Linderung von Synkopen durch Yoga?

Synkopen sind kurze Ohnmachtsanfälle, die meist nicht länger als 20 Sekunden andauern –laut Statistiken erleidet dies jede*r Zweite im Laufe seines Lebens. Viele Patient*innen erleiden die Anfälle häufiger – und das hat massive Auswirkungen auf den Alltag. Synkopen können zu Stress, Depressionen und einer ständigen Angst vor der nächsten Episode führen und so die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen. Eine aktuellen Studie hat nun untersucht, ob Yoga Synkopen lindern können. Dazu wurden 55 Patient*innen beobachtet, die in einem Zeitraum von drei Monaten mindestens zwei Ohnmachtsanfälle erlitten. Sie erhielten, zusätzlich zu der Standarttherapie, ein spezielles Yogaprogramm: An fünf Tagen in der Woche fanden Dehn- und Lockerungsübungen, kontrolliertes Atmen, das Halten bestimmter Körperpositionen, Meditation und Entspannungstechniken statt.

Die Forscher*innen untersuchten dann nach einem Jahr, wie viele Synkopen in diesem Zeitraum aufgetreten sind. Das Ergebnis: Bei den Yogis traten in 12 Monaten durchschnittlich 0,7 Synkopen auf – bei der Kontrollgruppe waren es hingegen 2,5. 43 % hatten sogar gar keine Ohnmachtsanfälle – bei der Gruppe ohne Yoga-Einheiten waren es nur 16 %. Die Forschenden sind sich einig, dass die Yoga-Praxis eine gute Ergänzung zur Standarttherapie bei Synkopen ist. Der positive Effekt könne durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zustande kommen, welche die körperliche Fitness, Psyche und das autonome Nervensystem beeinflussen und so Synkopen lindern können.

Hält Yoga also das Herz gesund?

Die aktuellen Studien zeigen, dass Yoga positive Effekte auf die Herzgesundheit haben kann. Die Praktik kann als eine nützliche Ergänzung zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen integriert werden und trägt zu einem ganzheitlich gesünderen Lebensstil bei. Allerdings ist die Datenlage noch zu begrenzt, um valide Aussagen über den Zusammenhang zwischen Yoga und der verbesserten Herzgesundheit treffen zu können. Es ist daher nötig, weitere große und gut konzipierte Studien durchzuführen, um valide Ergebnisse liefern zu können. Nichts destotrotz empfiehlt es sich, Yoga in den Alltag einzubinden, da es sich nachweislich positiv auf den Körper und Geist auswirkt. Man braucht nur eine Matte und ein offenes Mindset – dann heißt es Augen schließen, durchatmen und mit dem Flow gehen.

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