Mikroplastik: Die unsichtbare Gefahr für Umwelt und Gesundheit

Es ist mit bloßem Auge kaum erkennbar und befindet sich in vielen Kosmetikprodukten des täglichen Bedarfs: Die Rede ist von Mikroplastik. Und es ist überall: Die schleichende Kontamination mit künstlichen Polymeren hat bereits mit den Meeresströmungen und über die Atmosphäre jeden Winkel unserer Erde erreicht – im Schnee der Arktis, in den tiefsten Ozeangräben bis hin zu den entlegensten Ecken der Südsee. Aber auch in unserer Atemluft, in Getränken, in Obst, Gemüse, Fischen und Meeresfrüchten – und sogar schon in menschlichem Blut und Gewebe. Mikroplastik stellt nicht nur ein großes Problem für unsere Umwelt dar – Forscher*innen der Universität Marburg haben nun untersucht, welchen Einfluss die Kunststoffpartikel auf das Immunsystem und die Blutgefäße haben.

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Mikroplastik und die gesundheitlichen Folgen.
zatevakhin/stock.adobe.com

Mikroplastik: Was ist das?

Als Mikroplastik werden in der Regel Plastikpartikel bezeichnet, die im Durchmesser kleiner als fünf Millimeter sind. Man unterscheidet dabei zwischen sekundärem und primärem Mikroplastik: Erstes entsteht durch die Verwitterung von größeren Plastikabfällen, als primäres Mikroplastik werden eigens hergestellte Kunststoffe genannt, die in Form von kleinen Kugeln, Granulat oder Fasern Produkten wie Kosmetika, Reinigungsmitteln oder Düngemitteln beigesetzt werden. Mikroplastik kann aber auch in anderer Beschaffenheit auftreten: Flüssig, gel- und wachsartig oder in Form von Schwebstoffen in Flüssigkeiten. Mikroplastik gehört, so wie alle Kunststoffe, zu den von Menschen geschaffenen künstlichen Polymeren, welche größtenteils durch die Raffination von Erdöl hergestellt werden. Diese bezeichnen eine Gruppe chemischer Verbindungen, die aus langkettigen Makromolekülen aufgebaut sind. Diese wiederum bestehen aus einer Vielzahl von kleinen, sich wiederholenden Einheiten (Monomeren). Die große Herausforderung: Der Begriff Mikroplastik ist bislang nicht einheitlich definiert und wird unterschiedlich verwendet. Somit gibt es auch keine einheitliche Kennzeichnung für Produkte, die Mikroplastik enthalten.

Wo befindet sich Mikroplastik?

Plastik kann also in erstaunlich vielen Erscheinungsformen in Produkte gelangen und ist für Verbraucher*innen oft gar nicht so leicht zu erkennen. Polymere werden hauptsächlich Kosmetik- und Körperpflegeprodukten zugesetzt und dienen als günstige Schleifmittel für den Peeling-Effekt sowie zur Verbesserung der Optik und Konsistenz des Produktes. Mikroplastik in Kosmetikprodukten steht aufgrund der gesundheits- und umweltschädigenden Wirkung schon seit einigen Jahren bei vielen Verbraucher*innen in der Kritik und schreckt sie vom Kauf eines Produktes ab – trotzdem gibt es in Deutschland, anders als in anderen Ländern wie beispielsweise den USA, kein klares Verbot der Mikroplastik-Verwendung in Kosmetika. Stattdessen setzt die Regierung auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Firmen. Viele Shampoos, Duschgele & Co. werden nun mit dem Zusatz „mikroplastikfrei“ deklariert, doch häufig stimmt dies nicht hundertprozentig: Da es bis heute keine offizielle einheitliche Definition gibt, legt jeder Hersteller praktisch eigenmächtig fest, was er unter dem Begriff versteht und auf welche Produkte sich der freiwillige Verzicht bezieht. Häufig fallen bei den Herstellern lediglich feste Partikel unter die Definition – nicht aber flüssige, wachs- und gelartige Kunststoffe, welche am häufigsten in der Kosmetikindustrie verwendet werden. Ein weiteres Problem: Viele Hersteller deklarieren nur sogenannte Rinse-off-Produkte als mikroplastikfrei, also Kosmetika, die unmittelbar nach der Benutzung wieder von Haut und Haaren abgewaschen werden, wie Peelings, Shampoos und Duschgele. Leave-in-Produkte hingegen, wie beispielsweise Make-up-Artikel, die erst zu einem späteren Zeitpunkt vom Körper gewaschen werden, zählen nicht dazu.

Im Folgenden sind die häufigsten Kunststoffe in Kosmetik-Produkten und ihre Abkürzungen aufgeführt:

Kunstoff

Abkürzung

Polyethlen

PE

Polypropylen

PP

Polyethylenterephthalat

PET

Nylon- 12

Nylon- 12

Nylon- 6

Nylon- 6

Polyurethan

PUR

Acrylates Copolymer

AC

Acrylates Crosspolymer

ACS

Polyamid

PA

Polymethylmethacrylat

PMMA

Polystyren

PS

Polyquaternium- 7

PQ

Polyethylenglycol

PEG

Polypropylenglycol

PPG

Die Umweltorganisation Greenpeace hat im Jahr 2021 insgesamt 664 Produkte von 11 Marken aus dem Bereich dekorative Kosmetik auf Kunststoffe untersucht – dazu zählten Make-up, Puder, Highlighter, Augen-Make-up sowie Lippenstifte und Lipgloss. Das Ergebnis: In 502 Produkten war Mikroplastik nachweisbar, das macht 76 Prozent der untersuchten Kosmetikartikel aus. In 26 Prozent der Produkte wurden feste Plastikpartikel (Mikroplastik) nachgewiesen, in den restlichen Produkten Plastik in flüssiger, halbfester oder löslicher Form. Besonders stark betroffen sind Produkte für die Augen (90 %), dicht gefolgt von Lippenstiften und Lipgloss mit 73 % – das Mikroplastik befindet sich also an besonders sensiblen Körperregionen und kann von Verbraucher*innen so schnell eingeatmet oder verschluckt werden.

Wie gelangt Mikroplastik in unsere Umwelt?

Jährlich gelangen in Deutschland etwa 330.000 Tonnen primäres Mikroplastik aus unterschiedlichen Quellen in die Umwelt – das entspricht rund 4 Kilogramm jährlich pro Person. Der Kunststoff aus den Kosmetikprodukten gelangt durch das Abwasser zu den lokalen Kläranlagen, allerdings können diese die Partikel meist nicht ausreichend aus dem Abwasser herausfiltern. So gelangen Mikroplastik und andere Kunststoffe aus den Abwässern in die Umwelt und unsere Gewässer – und richten dort einen großen Schaden an. Allen voran wird unsere Umwelt durch Mikroplastik stark belastet, da es biologisch kaum bis gar nicht abgebaut werden kann und somit eine Verunreinigung verursacht, die Jahrhunderte bestehen bleibt. Das Ergebnis: Kunststoff ist nicht nur Teil unseres Ökosystems, er bildet sogar ein eigenes, neues – die Plastisphäre.

Auch der Mensch ist Teil des Ökosystems, dementsprechend macht das Mikroplastik auch vor dem Körper nicht halt: Laut einer Studie der Heriot Watt Universität in Edinburgh nehmen Verbraucher*innen pro Jahr 68.415 Partikel allein über die Nahrung auf. Der größte Teil des Mikroplastiks gelangt durch Reifenabrieb von Fahrzeugen in unsere Umwelt und ist Teil des Feinstaubs – hiervon gelangen 74.000 bis 121.000 Teilchen in den menschlichen Organismus, indem sie eingeatmet werden. Leitungswasser-Trinker*innen nehmen im Vergleich zu Plastikflaschen-Konsument*innen weniger zusätzliche Teilchen zu sich: Beim Wasser aus dem Hahn sind es rund 4.000, während bei der PET-Variante rund 90.000 dazu kommen. Rechnet man all diese Zahlen zusammen, kommt man auf eine enorm große Summe von Plastikpartikeln, die im menschlichen Körper landen – laut des WWF gelangt dadurch pro Woche Kunststoff in der Menge einer Kreditkarte in jeden einzelnen Menschen – dies entspricht ca. 5 Gramm Plastik.

Was macht Mikroplastik mit unserem Körper?

Bisher gibt es noch keine eindeutige Forschungslage über die Auswirkungen von Mikroplastik auf den menschlichen Körper, da die Langzeitfolgen bisher noch nicht ausreichend untersucht worden sind. Eine Studie der Universität Marburg hat allerdings nun die Auswirkungen von Polystyrol (PS) auf das Immunsystem und die Blutgefäße überprüft. Dabei wurde der Einfluss von Mikroplastik, welches in den Blutkreislauf gelangt ist, untersucht. Die Forscher*innen führten dazu zunächst Versuche mit Zellkulturen durch, deren Nährmedium mit Partikeln des Kunststoffs Polystyrol versetzt wurde. Das Ergebnis: Die innerste Zellschicht der Blutgefäße, Endothelzellen genannt, bildeten in diesem Fall vermehrt Rezeptoren zur Bindung von Immunzellen aus. Unter Rezeptoren versteht man Proteine oder Proteinkomplexe, die Signalprozesse im Zellinneren auslösen. Daraus folgt, dass sich Immunzellen, die normalerweise einzeln im Blut schwimmen, in großer Zahl an der Gefäßwand festsetzen. Außerdem reagierten die Immunzellen auf das Mikroplastik, indem sie vermehrt Entzündungsproteine bilden und freisetzten.

Im zweiten Teil der Studie injizierten die Marburger Forscher*innen Kunststoffpartikel direkt in den Blutkreislauf von Mäusen. Kurz nach der Injektion reicherte sich das Material in der Leber der Tiere an, welche sich daraufhin akut entzündete. Außerdem wurden im Blut auch noch nach längerer Zeit einzelne Plastikpartikel und sogar Anhäufungen entdeckt, die von spezialisierten Immunzellen aufgenommen wurden. Zudem wies die Gefäßwand der Aorta ebenfalls erhöhte Entzündungswerte auf.

Insgesamt geben die Studienergebnisse dem Forschungsteam Anlass zur Sorge, da sie aufzeigen, welchen Schaden Mikroplastik im Blutkreislauf anrichten kann. Zwar waren die hohen Dosen sowie dessen direkte Injektion in den Blutkreislauf laut der Forscher*innen ein Extremfall, nichtsdestotrotz sind die in der Natur aufkommenden Plastikteilchen häufig noch giftiger als die sterilen Partikel, welche in der Studie verwendet wurden – der Entzündungseffekt könnte in der Realität also noch weitaus stärker ausfallen. Die Expert*innen sprechen sich daher dafür aus, Mikroplastik als Gesundheitsrisiko mithilfe von weiteren Studien zu untersuchen.

Unsere Tipps: Wie erkenne ich Mikroplastik in meinem Badezimmerschrank?

Es zeigt sich: Auf unnötige Kunststoffpartikel im Alltag sollte verzichtet werden – sowohl für die Umwelt als auch für die eigene Gesundheit. Aufgrund der fehlenden Kennzeichnungspflicht ist es für die Endverbraucher*innen oft gar nicht so leicht, Mikroplastik in Shampoos, Duschgelen und Co auf den ersten Blick zu erkennen. Außerdem ist es nicht gerade praktisch, mit einer ellenlangen Inhaltsstoff-Liste durch die Drogerie zu laufen und jedes Produkt händisch mit dieser abzugleichen. Folgende Angebote können hier Abhilfe schaffen:

Einfach auf das Smartphone geladen, kann die App über den Barcode die Inhaltsstoffe eines Produktes erkennen. Die App greift auf wissenschaftliche Quellen zurück und zeigt neben dem Anteil an Mikroplastik im Produkt auch folgende Inhaltsstoffe und Informationen an: Vegan, Palmöl, hormonell wirksame Stoffe, Laktose oder Gluten.

Die Umweltorganisation „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (kurz: BUND) veröffentlicht eine regelmäßig aktualisierte Liste an Kosmetikprodukten diverser Hersteller, die Mikroplastik enthalten. Dieser Einkaufsratgeber wird regelmäßig aktualisiert und ergänzt. So können die auf der Liste enthaltenen Produkte beim nächsten Einkauf vermieden werden.

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