My Challenge 2021: Alpen-Radtour trotz Herzschrittmacher

Als Carina Hilfenhaus den ersten von zwei Herzstillständen in ihrem Leben erleidet, ist sie 25 Jahre alt und sitzt gerade mit ihrer kleinen Tochter im Flugzeug. Nach einem zweiten Herzstillstand, einer Herzschrittmacher-OP und einer weiteren Diagnose, die ihr Leben grundlegend verändern wird, beginnt die junge Mutter umzudenken. Heute bezeichnet sie ihre Erlebnisse als Geschenk und trainiert gerade mit Profisportlerinnen für eine herausfordernde Rad-Tour durch die Alpen. Das Portrait einer beeindruckenden Frau, die sich nicht unterkriegen lässt.

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Begegnet man Carina Hilfenhaus, trifft man auf eine lebenslustige Person, die viel lacht, gestikuliert und deren Fröhlichkeit sofort abfärbt. Das erscheint alles andere als selbstverständlich, wenn man die Lebensgeschichte der 35jährigen kennt. Mit 25 steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Studiums der Pflegewissenschaften, hat ihre Bachelor-Arbeit eingereicht und verbringt zur Feier gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer 20 Monate alten Tochter einen Urlaub in Ägypten. Auf dem Rückflug nach Frankfurt passiert es wie aus heiterem Himmel. „Ich hatte gerade meine Tochter auf dem Arm und merkte, wie mir übel und schwindelig wurde“, berichtet sie. „Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich in der Bordküche aufgewacht bin, mit nacktem Oberkörper und den Elektroden des Defibrillators auf meiner Brust, um mich herum riesiger Aufruhr.“ Zu ihrem großen Glück reagiert das Bordpersonal schnell und besonnen auf den Herzstillstand und kann sie wiederbeleben. Das Flugzeug kann in Budapest notlanden, wo Carina Hilfenhaus sofort in ein Krankenhaus gebracht wird. Doch warum das Herz der bisher gesunden 25jährigen ohne Vorzeichen stehen blieb, können sich weder die Ärzt*innen in Ungarn noch die Ärzt*innen später in Deutschland erklären.

"Eigentlich war ich mir sicher, dass mein Herz gesund ist und es einfach ein Unglück war.“

Trotz zahlreicher Untersuchungen lässt sich keine Ursache finden und irgendwann kehrt die Normalität in das Leben von Carina Hilfenhaus zurück. „Dadurch, dass ich so jung war, habe ich das Erlebnis auch ein Stück weit verdrängt“, sagt sie heute. Mit jedem Monat, der verging und nichts mehr passierte, kam dich Sicherheit wieder zurück. „Eigentlich war ich mir sicher, dass mein Herz gesund ist und es einfach ein Unglück war.“ So konzentriert sie sich auf ihre Familie und den Beruf. 2014 gründet sie gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin ein Unternehmen, das schnell erfolgreich wird. Kein Außenstehender würde vermuten, was sie vier Jahre vorher auf dem Flug aus Ägypten erlebt hat. Doch während einer Teamsitzung in ihrer Firma verspürt sie plötzlich wieder ein bekanntes, beunruhigendes Gefühl: urplötzlich wird ihr schlecht und schwindelig zugleich. Sie steht auf, will auf dem Balkon frisch Luft schnappen, doch dort kommt sie nicht mehr an. Wach wird sie erst wieder, als die Rettungssanitäter schon vor Ort sind und sie ins Krankenhaus bringen. Ob ihr Herz stillgestanden hat oder ob sie „nur“ ohnmächtig wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. Genauso wie die Ursache für den neuerlichen Zwischenfall.

Unzählige Untersuchungen stehen an

Doch da Carina Hilfenhaus in den nächsten Monaten immer wieder Synkopen, also kurze Ohnmachten, erlebt, forscht ihre Hausärztin hartnäckig nach. Während sie den Hals, der mittlerweile 29jährigen Unternehmerin abtastet, kommt es erneut zu einer Ohnmacht und wieder wird Carina ins Krankenhaus gebracht. Nach vielen weiteren Untersuchungen ohne Ergebnis ordnet einer der dortigen Professoren schließlich als letzte Möglichkeit eine Kipptischuntersuchung an. Dabei wird sie auf einem speziellen Untersuchungstisch langsam auf 60 bis 70 ° gekippt, wodurch das Blut in den Beinen versackt. Bei gesunden Patient*innen kommt es dadurch zu einem kurzzeitigen Blutdruckabfall, der vom Körper schnell wieder kompensiert wird. Erkrankte Patient*innen hingegen werden bewusstlos. Die Ärzt*innen überwachen während der gesamten Untersuchung Blutdruck und Herzfrequenz, um mehr Aufschluss über die Ursache für die Bewusstlosigkeit zu bekommen.
Bei Carina kommt es in diesem Moment nicht zu einer Bewusstlosigkeit. Sie erleidet dort im Krankenhaus zum zweiten Mal einen Herzstillstand, doch diesmal wird das Erlebnis für sie noch viel einschneidender als beim ersten Mal. „Auf einmal war alles warm und in Frieden. Es war eine richtige Nahtoderfahrung“, erinnert sich Carina Hilfenhaus. „Und wenn die Ärzt*innen mich nicht zurückgeholt hätten, wäre ich gegangen. Dieses Erlebnis hat dann in meinem Leben eigentlich alles verändert, nicht der erste Herzstillstand.“ Auch wenn Sie sich in den nächsten Tagen noch völlig überwältigt und überfordert mit der Situation fühlt, muss sie nun Entscheidungen treffen. Die Kardiolog*innen in der Klinik können nun die Diagnose „Sick Sinus Syndrom“ stellen, eine Erkrankung, bei der der Sinusknoten, der Taktgeber unseres Herzens, die Herzfrequenz nicht an die Anforderungen des Körpers anpassen kann. Die Ärzt*innen raten dringend zu einer Herzschrittmacher-Implantation, der Carinas Herz den Takt vorgeben soll, wenn es das selbst nicht kann. Ohne das Gerät, so warnen sie die Ärztinnen und Ärzte, kann es schnell wieder zu einem Herzstillstand kommen und sie muss auf ganz alltägliche Dinge wie baden, Autofahren oder Sport dauerhaft verzichten. Sie entscheidet sich für die Implantation und hat seitdem keine weiteren plötzlichen Ohnmachten oder gar einen Herzstillstand erlebt.

„Ich habe immer weitergemacht und jedes Stoppschild für mich persönlich überfahren.“

Noch während sie sich mit diesen Erlebnissen auseinandersetzt, kommt die nächste Hiobs-Botschaft: bei ihr wird eine neurologische Erkrankung namens Idiopatische intrakranielle Hypertension diagnostiziert. Ihr Körper produziert zu viel Hirnwasser und baut es nicht schnell genug wieder ab, so dass der Druck auf ihr Gehirn permanent steigt. Sie leidet anhaltend unter Sehstörungen und Kopfschmerzen. Regelmäßig muss sie nun ins Krankenhaus, damit durch Rückenmarkspunktionen Hirnwasser abgelassen werden kann. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich schon wieder voll auf die Arbeit konzentriert und meine ganze Energie in die Firma gesteckt“, erzählt Carina Hilfenhaus. „Als die neue Diagnose kam und mich die Krankheit in meinem Alltag ja auch wahnsinnig eingeschränkt hat, habe ich mir zum ersten Mal die Frage gestellt, ob das richtig ist, was ich hier tue. Aber auch dann habe ich mir gesagt, dass ich weitermachen muss und habe jedes Stoppschild für mich persönlich überfahren.“ Der endgültige Wendepunkt kommt im Jahr 2019. Als bei ihrem Mann Darmkrebs entdeckt wird, bricht das mühsam aufrechtgehaltene Kartenhaus zusammen und es ist ein Punkt erreicht, den Carina Hilfenhaus heute als den kritischsten in ihrem ganzen Leben bezeichnet. Sie trägt sich mit Selbstmordgedanken. Was sie rettet, ist ihre Tochter. „Ich habe mir irgendwann gesagt: Du hast Verantwortung auf dieser Welt und der entziehst du dich jetzt nicht“, erzählt sie. „Aber wenn du jetzt die Kraft aufbringst, noch einmal aufzustehen, dann steh richtig auf.“

Neustart extrem

Und das tut sie. Sie krempelt ihr Leben komplett um, verkauft ihre Anteile an ihrem Unternehmen und tritt als Geschäftsführerin zurück. Zunächst einmal will sie sich voll darauf konzentrieren, gesund zu werden, nimmt sich Zeit dafür, konsultiert verschiedene Ärzte und sucht nach neuen Ansätzen, beginnt, ein Buch über ihre Erlebnisse zu schreiben und begleitet in Einzelcoachings andere Menschen, die ähnliches erlebt haben, auf ihrem Weg zurück in ein normales Leben. Und zum ersten Mal macht sie eine Reha. Am Chiemsee wurde für sie ein Sportprogramm aufgebaut, das sie zu Hause weiterverfolgt. Dort am Chiemsee schießt ihr auf einmal die Idee durch den Kopf, im nächsten Jahr einen Triathlon zu machen, die sie erstmal als Schnapsidee wieder verwirft. So ganz lässt sie die Vorstellung aber doch nicht los und auch nach der Reha kommt die Idee immer wieder auf. „Ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte“ lacht sie. „Ich hatte ja noch nicht mal ein anständiges Fahrrad, sondern nur mein altes Damenrad, mit dem ich zum Supermarkt geradelt bin.“

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Also hat sie sich im Internet umgeschaut, um sich Unterstützung zu suchen. Dabei ist sie auf Sponsoo gestoßen, die eigentlich Spitzen- und Profisportler mit Sponsoren zusammenbringen, doch als sie trotzdem einfach eine E-Mail an das Unternehmen schreibt, berührt ihre Geschichte dort die Mitarbeiter*innen und sie gehen eine Partnerschaft mit Carina ein. Gemeinsam entwickeln sie die My Challenge 2021, bei der Carina vom 11. bis zum 17. Oktober jeden Tag auf einer neuen Etappe in unterschiedlichen Terrains in Garmisch-Partenkirchen entweder mit dem Rennrad oder dem Mountainbike unterwegs sein wird. Sie bereitet sich darauf mit der ehemaligen Bahnradfahrerin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin Miriam Welte vor, die sie beim Training unterstützt. Die Triathletin Laura Chacon Biebach steht ihr als Ernährungsexpertin zur Seite. Die DGK unterstützt Carina bei der Challenge finanziell und mit dem HerzFitmacher begleiten wir sie auf ihrem Weg in die bayerischen Alpen und zu ihrer ganz persönlichen Herausforderung.

„Seit ich mit dem Training angefangen habe, den beruflichen Stress reduziert habe und mit einer ganz anderen Einstellung an mein Leben herangehe, hat sich auch meine gesundheitliche Situation komplett verändert“, freut sich Carina Hilfenhaus. Früher musste sie alle drei Wochen eine Rückenmarkspunktion über sich ergehen lassen, doch seit August war dies nicht mehr nötig und selbst ohne Medikamente hat sich ihr Hirndruck inzwischen normalisiert. Die nächste Herzschrittmacherkontrolle bei ihrem Kardiologen steht zwar noch aus, aber auch da ist sie guter Dinge: „Ich merke, wie ich immer fitter werde und die Müdigkeit abnimmt, die ich vorher ständig verspürt habe. Und ich habe gelernt, den Herzschrittmacher als meinen Freund, nicht als meinen Feind anzunehmen.“

Wir sind gespannt zu beobachten, wie der Weg dieser beeindruckenden Frau weitergeht, die trotz aller Schicksalsschläge nicht aufgibt. Verfolgen können Sie ihn hier auf HerzFitmacher.de oder ihrem Instagramkanal @carinahilfenhaus.

Als wir uns aus dem Gespräch verabschieden, schickt Carina uns diese Worte noch schnell hinterher: „Heute weiß ich, dass es ein riesengroßes Geschenk ist, was ich erlebt habe, keine Bürde. Es hat mir die Angst vor dem genommen, was noch kommt. Und es hat mir geholfen, mich selbst wiederzufinden.“

Im Gespräch mit Priv.-Doz. Dr. David Duncker

Priv.-Doz. Dr. David Duncker ist Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und stellvertretender Bereichsleiter für Rhythmologie.

Der Taktgeber des Herzrhythmus ist der sogenannte Sinusknoten. Er reguliert die Herzfrequenz und passt sie an die Anforderungen des Körpers an, indem er bei körperlicher Anstrengung die Herzfrequenz steigert und in Ruhe oder im Schlaf absenkt. Die normale Herzfrequenz liegt in Ruhe beispielsweise bei 60 Schlägen pro Minute, kann bei starker körperlicher Anstrengung aber auf über 180 Schläge pro Minute ansteigen.

Bei einem Sick-Sinus-Syndrom ist der Sinusknoten nicht mehr in der Lage, die Herzfrequenz ausreichend an die Bedürfnisse des Körpers anzupassen. Dies kann sich beispielsweise durch einen zu langsamen Puls in Ruhe äußern oder dadurch, dass der Pulsanstieg bei körperlicher Belastung nicht mehr ausreichend ist. Stellt der Sinusknoten die Aktivität ganz ein, spricht man von einem Sinusarrest.

Es gibt verschiedene Ursachen für ein Sick-Sinus-Syndrom. Die häufigste Ursache sind Veränderungen des Sinusknotens und des umliegenden Herzmuskelgewebes, die bei älteren Menschen auftreten können. Zudem können manche Medikamente, z.B. Betablocker, die Sinusknotenfunktion beeinträchtigen.

Patienten mit einem symptomatischen Sick-Sinus-Syndrom sollten bis zur erfolgreichen Behandlung keinen Sport treiben. Bei symptomatischen Patienten mit SSS kann eine Herzschrittmacherimplantation notwendig sein. Der Herzschrittmacher übernimmt dann die Regulierung der Herzfrequenz. Nach der Behandlung der Symptome kann wieder mit Sport begonnen werden.

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