"Dann packt man das nicht": Ein Tag auf der kardiologischen Spezialstation

Auf einer kardiologischen Spezialstation des Heidelberger Universitätsklinikums warten Menschen auf eine lebensrettende Therapie. Einige auf ein Kunst- oder Spenderherz. Wie fühlt sich das an? Und wie geht es Ärzten und Pflegefachpersonen, deren Patienten über Monate hinweg in ständiger Lebensgefahr sind?

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Ein Mann beim täglichen Training.
Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg
Ellen Nehring

Ellen Nehring

Die Pflegefachfrau für Anästhesie und Intensivpflege ist auf der Intensivstation sowie der Herzinsuffizienz-Wachstation tätig

Anna Kräuter​

Anna Kräuter​

Für die Kardiologie hat sich die Pflegefachfrau für Anästhesie und Intensivpflege bewusst entschieden.

Es ist überraschend ruhig auf der „HI-Wach“. Würde man nicht Hektik erwarten und ständiges Geräte-Piepen? Medizinisches Personal, das in die Zimmer hastet, und Kranke, die Alarm schlagen? Schließlich sind die acht Patienten, die hier Tag und Nacht unter Beobachtung stehen, lebensbedrohlich erkrankt. Sie haben eine schwere Herzinsuffizienz, aus unterschiedlichen Gründen pumpt ihr Herz nicht ausreichend Blut durch den Körper. Ohne technische Unterstützung könnte hier keiner leben. Auch die jungen Patienten tragen einen Herzschrittmacher, einige einen Defibrillator, und alle sind dauerhaft an Kabel angeschlossen, die ihre Vitalwerte überprüfen und warnen, wenn etwas aus dem Lot gerät. Was sie alle verbindet: Sie überbrücken hier nur die Zeit, bis sich eine lebensrettende Therapie für sie findet. Für einige bedeutet das: ein künstliches Herz oder eine Herztransplantation.

Wenn der Alarm losgeht, werden schnelle Entscheidungen getroffen

Dirk Menhard ist einer der Patienten auf der Herzinsuffizienz-Wach-Station, wie die kardiologische Spezialstation des Heidelberger Universitätsklinikums eigentlich heißt. Seit zwei Monaten lebt der 42-Jährige hier. Deshalb kennt er neben den ruhigen auch die hektischen Tage, die immer mal wieder vorkommen. Wenn in einem der Nachbarzimmer der Alarm losgegangen ist und schnelle Therapieentscheidungen getroffen werden müssen. Menhard hat Menschen kennengelernt, die hier gesund geworden sind. Er weiß aber auch, dass einige es nicht geschafft haben. Den Gedanken, zu welcher dieser beiden Gruppen er gehören wird, versucht er wegzuschieben. So gut das eben geht, wenn das eigene Leben seit anderthalb Jahren ständig auf Messers Schneide steht.

Es ist Mitte Mai 2020, ein Samstag, als Dirk Menhard mit seiner Frau zu Hause in Biberach bei Ulm am Tisch sitzt. Der Polizist hat heute keine Schicht, plant das Wochenende, freut sich auf sein Volleyball-Training. Doch als er aufstehen will, wird ihm plötzlich schwarz vor Augen. Er versucht noch, den Stuhl zu erreichen, stürzt jedoch daneben. Als er wieder aufwacht, tippen er und seine Frau auf ein Kreislaufproblem.

Doch kurz darauf geschieht es erneut: Bei der Gartenarbeit kippt Menhard ohne Vorwarnung um, und als er sein Bewusstsein wiedererlangt, spürt er, dass sein Herz unregelmäßig schlägt. Seine Frau ruft den Rettungswagen, und tatsächlich zeigt das Elektrokardiogramm (EKG) in der Notaufnahme: Das Herz des bislang topfitten Hobby-Sportlers setzt in unregelmäßigen Abständen aus. Warum? Keiner weiß es.

Dass er noch lebe, sei eigentlich ein Wunder, sagt Dirk Menhard

Optimal vorbereitet: Um sich trotz ständiger Überwachung ihrer Vitalwerte auf der Station bewegen zu können, haben alle Patienten einen Gehwagen, an dem die Messgeräte befestigt sind. Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

In den Wochen darauf folgt für Dirk Menhard eine quälende Odyssee. Es geht für ihn von der Notaufnahme über die Überwachungsstation wieder nach Hause und schließlich – nach einem lebensgefährlichen Multiorganversagen – auf die Intensivstation des Klinikums in Ulm.

Erst dort führen Untersuchungen zur richtigen Diagnose: eine schwere Herzinsuffizienz, verursacht durch ein Virus, das eine gefährliche Herzmuskelentzündung ausgelöst hat, eine Myokarditis. „Unter normalen Umständen hätte sich der Muskel wohl erholt“, sagt Dirk Menhard. „Bei mir ist es aber zu einer seltenen Immunreaktion gekommen, einer sogenannten Riesenzellen-Myokarditis.“

Anstatt nur das Virus zu bekämpfen, hat seine Körperabwehr zugleich den Herzmuskel angegriffen und dessen Gewebe schwer geschädigt. Nun pumpt das Herz nur noch einen Bruchteil des zur Versorgung der Organe notwendigen Blutes durch den Körper. Dirk Menhard werden deshalb ein Herzschrittmacher und ein Defibrillator implantiert. „Dass ich noch lebe, ist eigentlich ein Wunder“, sagt er. Doch schon in Ulm erfährt er: Langfristig können die Implantate sein Leben nicht retten, er braucht ein künstliches Herz oder eine Herztransplantation.

Eine Pflegefachperson ist für vier bis sechs Patienten zuständig

Dass er schließlich den Weg in die Heidelberger Universitätsklinik gefunden hat, empfindet Dirk Menhard als großes Glück. In der „HI-Wach“, die nun seit zwei Monaten so etwas wie sein Zuhause ist, hat er sich sofort gut aufgehoben gefühlt. „Ich weiß, dass die Ärzte hier zu den besten Spezialisten für Herzerkrankungen gehören“, sagt er. „Sie gehen außerdem offen mit einem um und nehmen einen ernst.“ Auch die Pflegefachpersonen der „HI-Wach“ unterscheiden sich von denen anderer Krankenhäuser, in denen er war, findet Dirk Menhard: „Sie sind medizinisch versiert, aber auch sehr zugewandt und extrem geduldig.“

Weil die Patienten einen hohen Versorgungsbedarf haben und ununterbrochen unter Beobachtung stehen, ist der Personalschlüssel hier ähnlich günstig wie auf Intensivstationen: Eine Pflegefachperson ist für vier Patienten zuständig, nachts für sechs. Für die Pflegenden ist der Arbeitstag trotzdem nicht entspannter. „Es muss ja ständig sichergestellt sein, dass die Patienten stabil sind“, sagt Ellen Nehring, die seit 27 Jahren als Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für Anästhesie und Intensivpflege in der Heidelberger Kardiologie und Pulmonologie arbeitet. „Es kann immer schnell kippen“, sagt sie. Deshalb müssen die Geräte regelmäßig geprüft werden, die unter anderem die Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung des Blutes, Atmung und Blutdruck ableiten. Auch die Spritzenpumpen, die die Patienten kontinuierlich mit Arzneien wie Blutverdünnern oder kreislaufunterstützenden Medikamenten versorgen, dürfen ihren Dienst nicht versagen. Sind die Alarme richtig eingestellt, keine Kabel abgeknickt? Fehler dürfen hier noch weniger passieren als auf anderen Stationen.

Ein Patient hat ein Jahr gewartet – und ist dann doch gestorben

Wie hält man diesen Druck aus? Wie fühlt es sich an, wenn man als Pflegefachperson über Wochen oder – wie bei Dirk Menhard – sogar über Monate hinweg eine Bindung zu den Patienten aufgebaut hat und dann damit zurechtkommen muss, dass es am Ende nicht jeder schafft? „Natürlich fiebern wir mit, wenn jemand auf eine Transplantation wartet, und schließen Patienten ins Herz“, sagt Anna Kräuter, ebenfalls Pflegefachperson auf der „HI-Wach“ und Intensivstation. „Ein Patient hat hier mal ein Jahr lang auf ein Spenderherz gewartet“, erinnert sich auch Ellen Nehring. Dass er nach der Transplantation dann doch gestorben sei, habe Ärzte und Pflegende sehr getroffen. „Aber wenn man es nicht schafft, sich auch in solchen Fällen emotional abzugrenzen, sondern diese Dinge abends mit nach Hause nimmt, dann sollte man diesen Job nicht machen. Dann packt man das hier nicht.“

Es gibt zwar Rückschläge, aber ­immer auch viel Hoffnung

Was Ellen Nehring, Anna Kräuter und ihren Kolleginnen Kraft gibt, ist der Sinn, den sie in ihrer Arbeit sehen. „Hier erlebt man täglich die Extreme“, sagt Anna Kräuter. „Und man sieht unmittelbar, was man bewirken kann.“ Wie zum Beispiel eine Antibiotika-Infusion den Heilungsverlauf der Patienten auf anderen Stationen beeinflusse, werde für Pflegefachpersonen häufig kaum sichtbar. „Aber hier sieht man das sofort“, so Kräuter. Eine Reanimation rettet Leben, und auf der „HI-Wach“ gibt es zwar Rückschläge, aber immer auch viel Hoffnung und für viele der Betroffenen die Rückkehr in ein weitgehend normales Leben.

Und noch etwas ist es, was die Pflegenden hier hält: „Anders als die Ärzte sehen wir die Patienten rund um die Uhr“, sagt Anna Kräuter. „Dadurch können wir ihren Zustand oft sehr gut einschätzen. Die Ärzte sind dafür dankbar und nehmen unsere Hinweise in der Regel ernst.“ Zwar treffen am Ende die Kardiologen die Therapie-Entscheidungen, etwa über die Dosierung von Medikamenten. Doch zum Großteil basieren diese auf den Berichten der Pflegefachkräfte.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Wer auf der Hochdringlichkeitsliste steht, hat Vorrang

Dass die Pflegenden immer auch ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Patienten haben, findet Dirk Menhard beruhigend. In der Regel versucht er aber, seine Gefühle mit sich selbst auszumachen. Denn natürlich packt ihn manchmal die Verzweiflung, wie sollte es auch anders sein? Vor allem nachts kreisen seine Gedanken. Was, wenn sich kein Spenderherz findet? Und wenn doch: Wird sein Körper es dann annehmen? Wird er noch in seinem Job arbeiten und ein halbwegs normales Leben führen können?

Er könnte ein Kunstherz bekommen, haben ihm die Heidelberger Ärzte gesagt. Doch das kommt für Dirk Menhard nicht infrage, jedenfalls noch nicht. „Ich würde damit völlig fremdbestimmt leben“, sagt er. „So bin ich nicht.“ Stattdessen wartet er weiter auf ein Spenderherz.

Und seine Aussichten sind gut, denn er wurde auf die sogenannte Hochdringlichkeitsliste gesetzt. Auf ihr stehen deutschlandweit nur etwa 80 Menschen mit höchster Dringlichkeit für eine Transplantation. Wie Dirk Menhard haben sie eine lebensbedrohliche Herzerkrankung, verfügen aber gleichzeitig über eine angemessene Konstitution, um den schweren Eingriff zu überstehen.

Eine Infektion würde seine ­Aussichten drastisch verringern

Ein paar Monate, sogar ein Jahr kann es aber auch für Dirk Menhard dauern, bis er ein rettendes Organ erhält. Bis dahin muss er durchhalten, sich so fit halten wie möglich, die Hoffnung nicht aufgeben. Und es darf nichts dazwischenkommen. Auch die kleinste Infektion könnte seinen Kreislauf derzeit zusammenbrechen lassen. Seine Aussichten, dass sich dann noch ein Herz für ihn findet, wären nur noch verschwindend gering.

Nicht immer gelingt es ihm, die Was-wäre-wenn-Fragen aus seinen Gedanken zu verscheuchen. Aber er arbeitet täglich daran, und oft schafft er es. „Ich bin immer schon ein Kämpfer gewesen“, sagt er. „Aufgeben ist einfach keine Option.“

Nachtrag

Kurz nach Redaktionsschluss kam für Dirk Menhard der ersehnte Anruf: Es hat sich ein ­Spenderherz für ihn gefunden. Die Transplantation ist gut verlaufen. Zwar kam es anschließend zu Komplikationen mit der Lunge, und ­Menhard musste vorerst zur Beobachtung auf der Intensivstation bleiben. Seine Nachricht an
die Redaktion lautete aber: „Ich bin auf dem Weg der Besserung.“

Dieser Text erschien im Januar 2022 im Rahmen der gemeinsamen Kampagne 15 Minuten für dein Herz der Bauer Media Group und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in der Zeitschrift „Pflege und Familie“ (Heft 4 2021). Copyright © Bauer Media Group 2022

Interview mit Prof. Philip Raake, leitender Oberarzt der Herzinsuffizienz-Wach-Station, Universitätsklinikum HD

„Man muss sehr nah am Patienten dran sein“

Sie behandeln Menschen, deren Gesundheitszustand stündlich kippen kann. Wie gehen Sie mit diesem Wissen um?

Die große Verantwortung ist mir sehr bewusst, denn ein Fehler kann hier schlimmstenfalls dazu führen, dass ein Mensch stirbt. Der Last dieser Verantwortung steht allerdings eine sehr sinnstiftende Aufgabe gegenüber: Es gibt kaum einen Fachbereich der Medizin, in dem man Patienten so gut helfen kann, wie in der Kardiologie.

Obwohl es sich meist um so schwere Krankheiten handelt?

Ja, denn anders als in einigen anderen Fachrichtungen, findet man bei Herzpatienten nahezu immer die Ursache. Und in der Regel können wir diese auch gut behandeln. Hier hat sich die Medizin in den vergangenen Jahren in Riesenschritten weiterentwickelt.

Aber bei Herzschwäche sind die Möglichkeiten doch begrenzt…

Sie ist zwar nicht heilbar, aber auch hier sind die Therapiemöglichkeiten sehr gut. Es ist ähnlich wie bei Krebs: Eine Herzschwäche ist sehr gefährlich, aber wenn sie früh erkannt wird, ist sie meist gut behandelbar. Leider stellen wir fest, dass vor allem junge Menschen oft erst spät zum Arzt gehen.

Woran liegt das?

In jungen Jahren hat der Körper bessere Reserven und kann die Herzschwäche länger kompensieren. Zudem werden die klassischen Symptome – vor allem der deutliche Leistungsknick und Atemnot – nicht dem Herzen zugeordnet. Auf der HI-Wach haben wir regelmäßig junge, eigentlich gesunde Patienten, die ein künstliches oder ein Spenderherz brauchen.

Ihr Team muss täglich neu ausloten, ob ein Patient in Lebens­gefahr ist. Wie gelingt Ihnen das?

Wir überwachen ja durchgängig die Vitalwerte der Patienten, so können wir Veränderungen und Probleme frühzeitig erkennen. Aber um die individuelle Situation wirklich gut beurteilen zu können, muss man auch sehr nah am Patienten dran sein. Das können die Pflegefachpersonen bei uns oft besser leisten als die Ärzte.

Setzt das nicht eine große medizinische Expertise voraus?

Doch, und die ist bei unseren Pflegenden durchweg vorhanden. Sie sind alle hervorragend ausgebildet, viele sind Intensiv-Pflegefachpersonen. Sie haben in der Regel ein sehr gutes Gespür für die Konstitution und den Krankheitsverlauf der Patienten. Zwar tragen die Ärzte die Verantwortung für die medizinischen Entscheidungen, aber die Pflegefachpersonen tragen einen wesentlichen Teil dazu bei. Und nur im Team, berufsgruppenübergreifend, ist die bestmögliche Versorgung sichergestellt.

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