Jetzt bin ich mal wertvoll

Anja Thull (54)

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Mein Jahr 2020 lässt sich in etwa so zusammenfassen: Sohn krank, Mann weg, der Job wegen Corona auch weg, Ergebnis: Herzinfarkt.

Ende Juni, ich kam gerade vom Einkaufen nach Hause, habe mich ein bisschen vors Haus in die Sonne gesetzt. Auf einmal habe ich von Schulterblatt zu Schulterblatt einen heißen Schmerz gespürt, als würde mir jemand ein sehr heißes Schwert auf den Rücken legen. Weil ich Trainerin für Herzsport bin, habe ich trotz der untypischen Anzeichen sofort an einen Herzinfarkt gedacht. Aber obwohl ich wusste, was gerade passiert, oder es zumindest vermutet habe, rief ich nicht sofort den Rettungsdienst, sondern wollte selbst zum Arzt fahren. Ich bin auch tatsächlich in mein Auto gestiegen und dachte mir im letzten Moment noch „Warte, das ist keine gute Idee“. Glücklicherweise kam genau zu dem Zeitpunkt eine Nachbarin auf den Hof und ich habe sie gebeten, mich zu fahren.

Das erste EKG bei der niedergelassenen Ärztin und auch die Blutuntersuchung hat kein Ergebnis gebracht, sie hat das EKG daraufhin aber noch einmal wiederholt. Als ich danach aufgestanden bin, kam schlagartig die Luftnot. Und ab da war ich mir hundertprozentig sicher, dass es ein Infarkt ist. Die Mitarbeiterinnen in der Praxis haben sofort alles in die Wege geleitet, den Rettungswagen gerufen, der ganz schnell kam. Die Rettungssanitäter sind so nett mit mir umgegangen, dass ich gar keine Angst hatte. Ich habe mich da in ganz sicheren Händen gefühlt.

Im Krankenhaus wurde mir dann einen Stent eingesetzt. Der Arzt schaute mir nach der Prozedur in die Augen und sagte „Jetzt sind SIE mal wertvoll.“ Das fand ich so schön, weil ich vorher mit der Trennung von meinem Mann und der Krankheit meines Sohnes komplett fertig mit der Welt war.

Insgesamt habe ich mich im Krankenhaus sehr wohl gefühlt. Eigentlich bin ich wirklich sehr vorsichtig im Zusammenhang mit Corona gewesen, aber im Krankenhaus hatte ich niemals die Angst, dass ich mich anstecken könnte. Das Einzige, woran ich im Krankenhaus gemerkt habe, dass wir mitten in einer Pandemie sind, war, dass ich viel länger auf der Intensivstation geblieben ist, als eigentlich nötig gewesen wäre. Ich hätte auf eine Überwachungsstation kommen sollen. Dort war allerdings kein Platz, weil eine andere Station komplett mit Corona-Patienten belegt war.

Jetzt bin ich mal wertvoll!

Anja Thull

Ich habe im Anschluss kurzfristig einen Reha-Platz bekommen und in den drei Wochen dort wirklich tolle Menschen kennengelernt, zu denen ich noch immer Kontakt habe.

Nach der Reha habe ich meinen neuen Job angefangen und gebe in einer offenen Ganztagsschule Sportunterricht. Auch meine Sportkurse, unter anderem spezialisierte Herzsportgruppen, kann ich danke der Lockerungen seit kurzem wieder anbieten. Ich selber laufe schon wieder bis zu 10 km, ich gehe fast jeden Tag paddeln, gucke immer zu, dass ich zwischen 10.000 und 12.000 Schritte pro Tag gehe.

Insgesamt hatte ich Glück im Unglück: Mehrere Kardiologen haben inzwischen bestätigt, dass ich keine einzige Narbe am Herzmuskel habe.

Ich hätte mich nie zur Gruppe der Herzpatient*innen gezählt, niemals. Ich lief damals Halbmarathon, unterrichtete 19 Stunden in der Woche Sport. Ich glaube, es hatte mit der psychischen Belastung in meinem Leben zu tun.

Mein Leben hat sich durch den Vorfall deutlich verändert. Ich lebe einfach intensiver und bewusster. Auf die Dinge, die mir am Herzen liegen, verzichte ich auch nicht. Ich bin inzwischen in Therapie und ich fänd es ganz wichtig, dass die Menschen mehr Chancen haben, Hilfe in Form von Therapieplätzen zu bekommen, bevor die Probleme zu groß werden. Das passiert einfach viel zu wenig. Die Kliniken könnten doch zum Beispiel, genauso wie sie eine Reha vermitteln, auch eine Psychotherapie für Herzinfarktpatient*innen vermitteln. Nach so einem Erlebnis wieder aufzustehen, dafür braucht man Hilfe. Das schafft man nicht allein.

Anmerkung der Redaktion: Bitte suchen Sie bei einem akuten Herzereignis wie einem Herzinfarkt keinesfalls selbst ärztliche Hilfe oder das Krankenhaus auf. Die Gefahr, dass sich ihr Zustand während der Fahrt verschlechtert und Sie sofortige Hilfe benötigen, ist groß. Wählen Sie sofort die 112, um den Rettungsdienst zu alarmieren. Im Rettungswagen können sie jederzeit adäquat versorgt werden und sind zudem schneller im Krankenhaus.

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