Jetzt lebe ich ganz ohne Einschränkungen

Gerhard Artmann (70)

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Kurz vor einem geplanten Paddelurlaub in Frankreich hatte ich vor ein paar Jahrennoch einen Check Up-Termin bei meinem Hausarzt. Das war für mich im Grunde ein reiner Routinetermin. Ich hab mich ja fit und gesund gefühlt und konnte eigentlich über keine Beschwerden klagen. Bis auf gelegentliches Herzstolpern und eine kurze Ohnmacht, Als ich meinem Arzt davon erzählte, war ich völlig überrascht, dass dies auf einen möglichen Herzklappendefekt hinweisen könnte. Mein Arzt riet mir, mich in der Uniklinik Aachen von Kardiolog*innen genauer untersuchen zu lassen. Im Herzultraschall zeigt sich, dass ich unter einer Aortenklappenstenose, das heißt einer deutlich verkalkten Aortenklappe, leide. Diese Erkrankung kann sich wie bei mir mit Beschwerden wie Schwindel unter Belastung oder Ohnmachtsanfällen äußern, ebenso aber auch mit einer langsam fortschreitenden Leistungseinschränkung. Zudem verändert sich der Blutstrom und kann dadurch zu einer Überdehnung der Hauptschlagader führen. Dabei kann es im fortgeschrittenen Stadium insbesondere bei körperlicher Anstrengung anstrengenden Belastungssituationen zu einem plötzlichen Riss der Aorta kommen. Ein meist tödliches Ereignis, da selbst ein Notfalltransport ins Krankenhaus in einem solchen Fall zu lange dauert.

Doch ich hatte Glück. Ich habe meinen Paddelurlaub abgesagt, weil mir von sportlicher Betätigung ab sofort dringend abgeraten wurde. Eine Woche später lag ich im Krankenhaus und wurde operiert. Ich erhielt eine künstliche Aortenklappe und auch ein Stück meiner Aorta wurde durch eine Prothese ersetzt. Im Nachgang zur Operation musste mir außerdem ein Herzschrittmacher eingesetzt werden.

Aber dann habe ich mir gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich an meiner Herzerkrankung versterbe, weil sie sich unbemerkt verschlechtert haben könnte, ungleich größer ist, als an Corona zu versterben.

Gerhard Artmann

Seitdem gehören regelmäßige Kontrolluntersuchungen zu meinem Leben dazu, auch während der Pandemie. Im letzten Jahr hatte ich natürlich den Gedanken ‚Am liebsten würdest du jetzt nicht zum Arzt gehen‘, weil ich mich schon ein wenig unwohl dabei gefühlt habe. Aber dann habe ich mir gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich an meiner Herzerkrankung versterbe, weil sie sich unbemerkt verschlechtert haben könnte, ungleich größer ist, als an Corona zu versterben. Und eine Weile möchte ich meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern schon noch erhalten bleiben.

Es wäre für mich ganz und gar unvorstellbar, meine Arzttermine schleifen zu lassen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich möglicherweise nicht mehr leben würde, wäre meine Herzerkrankung nicht rechtzeitig bei der Vorsorgeuntersuchung aufgefallen. Penibel aber nicht ängstlich achte ich auch auf die Einhaltung meines Medikamentenplans und bin dankbar, so gut versorgt zu werden. Ich bin Wissenschaftler und auch Schriftsteller, aber vor allem bin ich ein Mensch mit großer Lebensfreude, vor der Erkrankung schon und heute umso mehr! Jetzt lebe ich ganz ohne Einschränkungen, ganz im Gegenteil, das Leben ist sehr, sehr schön geblieben. Erst im letzten Jahr habe ich den Erzählband „Scirocco“ veröffentlicht. Ich paddelte auch wieder einmal die Ardèche hinunter mit zirka 15 Stromschnellen und bin dabei sogar noch besser geworden. Nur eines lasse ich inzwischen doch bleiben: Als meine Tochter mich im letzten Jahr hoch oben im Kirschbaum ohne Leiter beim Kirschenpflücken entdeckt hat, musste ich ihr versprechen, zumindest aufs Bäume klettern künftig zu verzichten und einen „Experten“ zu beauftragen.

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